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Grün ist die Hoffnung
Das Schlagwort Eco-Fashion wird immer mehr zum Thema. Was die einen als gar nicht so billigen Marketinggag abtun wollen, könnte in Wirklichkeit weitreichende Folgen haben. Nicht auszudenken wenn Umweltbewusstsein und soziales Gewissen tatsächlich in Mode kommen.
X-Ray
Michael Ginthoer
January 2007

Die Modeindustrie hat sich gerade in den letzten Jahren einen traurigen Namen gemacht: Halsabschneiderlöhne und menschenunwürdige Arbeitssituationen im Fernen Osten zugunsten einer immer obsessiver werdenden Konsumgesellschaft. Sweatshops, die eher ins manchesterliberalistische England des 19.Jahrhunderts passen, als in die globalisierte Marktwirtschaft des 21. Scheint so, als ob nicht mehr nur die Schönheit leidet, sondern mit ihr alle und jeder, die in ihrem Dienst stehen. Nicht zuletzt der Planet selbst: 2,5 Millionen Kilo Pestizide werden alljährlich über US-amerikanischen Baumwollfeldern versprüht. Dazu kommen mehr als eine Milliarde Kilo synthetischer Düngemittel. Jedes T-Shirt hat quasi ein Drittel Pfund Chemikalien intus, bevor es im Einzelhandel und damit beim Kunden landet. Viele, wenn nicht alle der verwendeten Wirkstoffe stehen zumindest im Verdacht, Krebs zu erregen. Die Alternativen zu H&M, C&A und Co waren bis vor kurzem nicht allzu vielversprechend: Hanf-Dreiteiler und Birkenstock-Stilettos sind vielleicht politically correct, aber ästhetisch nicht wirklich eine Alternative. Ein Umdenken musste stattfinden und eines der Vorreiterländer dieses Umdenkens war, wie so oft, Kalifornien, eines der kulturellen Epizentren der westlichen Welt: Als Leo di Caprio auf einen Toyota Prius umstieg und sogar der Governator selbst seinen Hummer auf Wasserstoffbetrieb aufrüsten ließ, hatte das Signalwirkung, und zwar mit dem gewissen Multiplikationseffekt: Die chronisch esoterischen Kalifornier sahen die Zeichen und mit ihnen die hiesige Modeindustrie. Seither steigt der Bedarf an organischen Materialien jährlich um 22 Prozent. Begriffe wie "fair wages", "fair trade" und "social responsibility" sind in aller Munde. Mittlerweile ist Nike der größte Abnehmer von organischer Baumwolle weltweit, und die großen Modemagazine Elle, Vogue und Vanity Fair brachten 2006 pflichtbewusst ihre jeweiligen grünen Sonderausgaben heraus.

Öko-Basics. Vor mehr als zehn Jahren schon schaltete der kalifornische Outdoorspezialist Patagonia auf Grün: Seit damals wurden 88 Millionen Soda-Plastikflaschen recycelt und in Polyester-Vlies umgewandelt, seit 1995 wird ausschließlich organische Baumwolle in der Produktion verwendet.



1997 startete der gebürtige Kanadier Dov Charney eines der aufsehenserregensten Unternehmen der jüngeren amerikanischen Modegeschichte: Er erdachte ein "vertikal-integriertes" Businessmodell, indem jeder einzelne Produktionsschritt im Haus blieb, von der Schneiderei bis hin zur Werbung. American Apparel zahlt seit jeher die höchsten Gehälter im Geschäft und verschafft seinen Angestellten Zugang zu Krankenversicherung und sonstigen Vergünstigungen wie Bildungsprogrammen etc. Das mag sich jetzt für europäische Verhältnisse nicht so überaus großzügig anhören, aber eigens für die Belegschaft und deren kleine Verspannungen angestellte Masseure dürften auch in der alten Welt nicht gang und gäbe sein.

Der Erfolg gibt ihm recht: Letztes Jahr setzte American Apparel 250 Millionen Dollar um, die Fabrik in Downtown L.A. ist die größte im ganzen Land. 2002 hat American Apparel auch eine organische Kollektion eingeführt. "Es geht uns nicht nur um die Umwelt innerhalb des Betriebs, sondern auch außerhalb", sagt AA-Pressesprecherin Cynthia Semon. Sie schwört auf das Konzept der "vertikalen Integration": "Das Zauberwort heißt Flexibilität: Wenn wir eine Idee haben, können wir die theoretisch innerhalb von vier Tagen umsetzen, und zwar in 210.000- facher Ausfertigung. Und das hat freilich nicht nur logistische Vorteile, sondern vor allem psychologische." Wenn alle unter einem Dach arbeiten ziehen auch alle an einem Strang. Dass das Marketing-Mantra der sozialen Verantwortung des globalen Miteinander Früchte trägt, liegt auf der Hand: ..In L.A. werden heutzutage 140 verschiedene Sprachen gesprochen, mehr als sonst wo auf der Welt. Es versteht sich beinahe von selbst, dass diese immense Perspektivenvielfalt sich sowohl auf der Seite der Produzenten wie auch der Konsumenten niederschlägt. Die Leute hier kümmern sich um die Welt als Ganzes."

Das Erbe der Blumenkinder. Ein paar Blocks weiter sortieren Crystal Butler und ihr Partner Michael Baffico die neuesten Lieferungen aus Second-Hand-Läden und sogenannten RagHouses, Depots für Stoffreste und Überbleibsel. Die Besitzer haben es mit ihren Recyclingkollektionen im punkigen Fernost-Stil innerhalb von ein paar Jahren in die Filialen von Norstrom und Urban Outfitters geschafft. Zwar werden Serien zwischen 60 und 1.200 Stück angefertigt, letztlich bleibt jedes Teil jedoch ein Einzelstück, das eigens angefertigt werden muss. Der Zuschnitt erfolgt im Haus, die Näharbeiten werden an eine Fremdfirma vergeben, für faire Gehälter, versteht sich. "Wir sind keine Gutmenschen", sagt Crystal Butler, "alles andere als das. Aber soziale Verantwortung fängt damit an, dass sich keiner beim Arbeiten umbringt." Die Tatsache, dass die Teile von Super Lucky Cat recycelt und damit umweltverträglich sind, "beeinflusst aber auf jeden Fall das Konsumverhalten der Kunden." Zwar gibt es noch keine Industriestandards, die umweltverträgliche, organische oder sozial verantwortlich produzierte Kleidung auf breiter Basis kennzeichnet, aber das ist nur eine Frage der Zeit. "Zuerst der Boom der organischen Ernährung, danach Naturkosmetik und jetzt die Kleider." Man braucht nur eins und eins zusammenzählen. "Gerade in letzter Zeit wird die Nachfrage immer größer", sagt sie, "man darf ja nicht vergessen, dass das halbe Kalifornien von heute den Hippies von gestern gehört. Nur dass die sich mittlerweile mit dem Kapitalismus ausgesöhnt haben. Aber das offene Bewusstsein ist geblieben." Crystal Butler und Michael Buffico bekennen sich ganzen Herzens zu dieser Form von dogmatischem Pragmatismus: ..Immerhin sind wir die children of the revolution." Weil die Los Angelinos in puncto Kleidung wenig bis gar nicht gegen die Elemente ankämpfen müssen und es erdbebensichere Hemden ohnehin nicht gibt, legen sie weit mehr Wert darauf, wo ihre Kleider herkommen und wer sie gefertigt hat. "Das kommt davon, wenn man 300 Tage im Jahr am Strand sitzen und meditieren kann", merkt Baffico an.

Natürlich gut angezogen. Von derartigen Blumenkindassoziationen wollen Modedesigner wie Carol Young und Linda Loudermilk, die eher in Richtung High Fashion tendieren, freilich überhaupt nichts wissen: ..Ich habe nach der Uni damit aufgehört, mit Hanf herumzuexperimentieren. Zu viele Assoziationen mit der Kifferkultur", sagt Carol Young. Bei ihren geometrischen, von Issey Miyake inspirierten Kreationen hat jedenfalls die Ästhetik Vorrang vor der Ethik. "Mein Beitrag sind Kleider, in denen sich die Kunden wohlfühlen", sagt sie. Nicht ganz: Einen Gutteil ihrer Kollektion fertigt sie aus organischer Baumwolle, in letzter Zeit hat sie vor allem Geschmack an Bambusfasern gefunden: "Bambus hat eine sehr weiche und seidige Qualität, die sehr gut zu meinem Stil passt", sagt sie. Ungefähr die Hälfte der Kundschaft kommt in den Laden, auf der Suche nach organischen Materialien. "Vor allem für die Herren gibt es kaum Produkte am Markt." Die gutsituierte Klientel im Stadtteil LosFeliz jedenfalls schätzt ihr stilsicheres Händchen ebenso wie den umweltfreundlichen Grundtenor. Dennoch: Der Eindruck bleibt, dass organische Mode etwas für die gehobeneren Gesellschaftsschichten bleibt, im Großen und Ganzen weder ein wirkliches Problembewusstsein besteht, noch eine breite Verfügbarkeit.

Die meisten Kreationen von Linda Loudermilk wiederum könnten sich die meisten ohnehin nicht leisten. Loudermilk stattet unter anderem umweltbewusste Hollywood-GrandDal1) es, wie Jane Fonda und Jennifer Beals, mit ihrer Öko Haute-Couture aus. Ihre Kreationen stellen zweifellos so etwas wie die Speerspitze im zeitgenössischen Öko-Fashion Design dar. Zu ihren Inspirationen zählen Korallenriffe, Wasserfälle und Seetang. Noch abenteuerlicher klingt die Materialwahl: Sawasashi etwa ist eine Fasermischng aus japanischem Papier, Kräutern, Vitaminen und Aminosäuren. Es soll antibakterielle Wirkung haben. Außerdem verlässt sie sich auf Soja- und Bambusfasern und Eco-Spun, ein Recyclingprodukt aus leeren Plastikflaschen, das sie bevorzugt mit organischer Baumwolle versetzt. Für sie selbst hört sich das gar nicht so seltsam an: "Wenn wir uns dessen bewusster würden, wie alles mit allem zusammenhängt, würden wir bessere Entscheidungen treffen." Loudermilks Mode ist, sowohl stilistisch als auch materialtechnisch gesehen, radikal. Sie wird in der Branche als Ökokriegerin bezeichnet. Loudermilks Luxury-Eco-Kollektion ist ein eindrucksvolles Statement. "Die Materialien zeigen unsere universelle Verbundenheit und erinnern uns daran, dass wir auf uns und den Planeten achtgeben müssen. Diese Kollektion handelt von der Hoffnung in der Welt, und davon, dass wir alle eins sind", sagt sie. In der Theorie könnte Kelly Witmer, die Besitzerin der kleinen Boutique Regeneration in Eagle Rock dem durchaus zustimmen: "Eigentlich sollte man meinen, dass der Ökotrend das nächste big-thing wird", sagt sie, "das liegt doch auf der Hand, auch weil alles so billig geworden ist, dass es fast schon wertlos ist." Witmer, eine gelernte Fotografin, hat sich auf die Marktlücke gestürzt und einen Laden für rein organische Kleidung und Fair-Trade-Artikel aufgemacht, mit Marken wie Living Planet, Of the Earth, Sworn Virgins und Twice Shy."Das Feedback ist zwar rundweg positiv", sagt sie, "aber wirklich abgehoben hat das Ganze noch nicht." Nachsatz: "Die Amerikaner sind einfach shoppingsüchtig, und wenn sie organisch einkaufen, brauchen sie sich deswegen nicht schuldig zu fühlen."

www.patagonia.com
www.americanapparel.net
www.superluckycat.com
www.undesigned.com
www.lindaloudermilk.com
www.livingplanet.ca
www.oftheearth.com
www.swornvirgins.com
www.twice-shy.com


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