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Moral kommt groß in Mode
Bislang galt "politisch korrekte" Kleidung als langweilig. Mit Marken wie Edun, American Apparel und Kuyichi hat sich das geändert: Öko-Mode ist endlich schick geworden.
Frakfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Anke Schipp
August 29, 2005

Mit Öko-Mode verband man lange Zeit unförmige Wollpullover, breites Fußbett, bunte Schals und Latzhosen. Zu dem Konzept von Öko-Mode gehörte es, daß sie bequem war, sich nicht an den aktuellen Trends, sondern an der Natur orientierte und nicht von Kinderarbeitern in der Dritten Welt zu Hungerlöhnen produziert wurde. Das Öko-Siegel war gleichsam eine Auszeichnung für Anti-Mode, für Kleidung, die mit der hysterischen, oberflächlichen und profitorientierten Textilbranche nichts zu tun hatte.

Mode und Moral war eine Ver-bindung, die so wenig zusammenpaßte wie eine Jute-Tasche zum Pelzmantel. Das könnte sich nun ändern: Öko-Mode ist dabei, den Muff der frühen Jahre zu verlieren und das zu erreichen, was bislang unmöglich schien — cool auszusehen und auch bei jungen Trendsettern Begehrlichkeiten zu wecken.

Das Frankfurter Geschäft von American Apparel liegt im Schatten des Commerzbankturms. Aus den Lautsprechern plätschert Hip-Hop-Musik, an den Wänden hängen alte Penthouse-Hefte, und die jungen Verkäuferinnen sehen so aus, als sei das hier keine Arbeit, sondern eine Art Club-Party am hellichten Tag. Sie wirken entspannt und cool — auch das gehört zum Konzept. Im vergangenen Jahr wurde der Gründer von American Apparel, Dov Charney, in Amerika zum "Unternehmer des Jahres" gewählt, obwohl er eher wie der Darsteller einer Siebziger-Jahre-Fernsehserie aussieht. Vor sechs Jahren gründete er das Unternehmen, das wirtschaftlichen und sozialen Erfolg vereinen sollte. Statt kostengünstigem Outsourcing finden die Produktion, der Vertrieb und das Marketing unter einem Dach in Los Angeles statt. Die Mitarbeiter werden gut bezahlt und sollen sich wohlfühlen. "Sweatshop-free" steht auf dem Etikett: T-Shirts, die garantiert nicht in den Schwitzbuden der Dritten Welt hergestellt wurden.

American Apparel ist nur eine von vielen Marken, die in der immer wieder kritisierten Modebranche, deren Unternehmen ihre Kosten durch Billiglöhne und Kinderarbeit in der Dritten Welt niedrig halten, andere Wege gehen. Trotzdem soll das Produkt modisch sein — und auch Gewinn bringen. Tatsächlich ist die T-Shirt-Fabrik aus L. A. ein Beweis dafür, daß man mit politisch korrekter Mode Geld verdienen kann: Das Unternehmen mit 4000 Mitarbeitern hat seinen Umsatz innerhalb von vier Jahren auf 35 Millionen Dollar verdoppelt und ist mittlerweile einer der größten T-Shirt-Produzenten in Amerika.

Öko-Mode, die früher belächelt wurde und ein Dasein in Dritte-Welt-Läden abseits der Fußgängerzonen fristete, könnte sich in der Branche zum ernstzunehmenden Markt entwickeln — ähnlich wie bei Lebensmitteln und Kosmetika, wo sich mit dem "Bio"-Siegel durchaus Geschäfte machen lassen.

Trotzdem sind es meistens keine Menschen aus der Modebranche, die das schlechte Gewissen plagt. Die neuen Marken werden fast ausschließlich von Außenstehenden ins Leben gerufen. Bestes Beispiel dafür ist das Label Edun, das vor einem guten halben Jahr von dem irischen Sänger Bono Vox von U2 gegründet wurde. Gemeinsam mit seiner Frau engagierte er den amerikanischen Designer Rogan Gregory, um eine Kollektion nach ökologischen und ethischen Vorgaben zu produzieren. "Wir sind selbst nach Afrika und Peru geflogen, um uns die Fabriken anzusehen, in denen wir die Sachen produzieren lassen, und die Arbeitsbedingungen zu prüfen", sagt der Designer, der unter dem Namen "Rogan" auch eine eigene Kollektion führt. "Natürlich kann man nie ganz sicher sein, ob wirklich jeder einzelne Mitarbeiter in jeder Fabrik glücklich ist, aber wir versuchen einfach, so verantwortungsvoll wie möglich zu sein." Sein Designkonzept entspricht der Kollektion, die zu hundert Prozent aus pestizidfreier Baumwolle gefertigt wird: "Ich orientiere mich an der Natur, an organischen Formen." Und an der Poesie: Das Innere der Hosentaschen ist mit Rilke-Gedichten bedruckt. Edun — das rückwärts gesprochen für "nude", also "nackt" steht — wird nicht in Öko-Läden verkauft, sondern unter anderem in dem New Yorker Nobelkaufhaus Saks Fifth Avenue und bei Selfridges in London. Grundsätzlich wolle man damit auch Vorbild für die großen Designer sein, die sich dem Thema Ökologie bislang so gut wie überhaupt nicht gewidmet haben. "Dabei haben sie keine Entschuldigung, ihre Produkte sind so teuer, daß sie es sich leisten könnten, organische Baumwolle zu verwenden", sagt Rogan Gregory.



Eine der ersten Jeans-Marken, die nach ökologischen Prinzipien produzieren, ist Kuyichi, das vor vier Jahren von zwei Holländern gegründet wurde. Die beiden hatten einen "Fair trade"-Handel mit Obst und Kartoffeln, bevor sie auf die Idee kamen, es mit Textilien zu versuchen. Aber was alternativ produziert wird, sollte auf keinen Fall alternativ aussehen, sondern im wesentlichen wie jede andere Jeans-Marke auch. Also arbeiten sie mit Designern und bringen Werbekampagnen, die urban und cool anmuten. "Im Vordergrund steht das Produkt, das muß stimmig sein, schließlich wollen wir es an Jugendliche verkaufen", sagt Christoph Dahn, der für den deutschen Vertrieb zuständig ist. Kuyichi arbeitet mit Produktionsstätten in der Türkei, Tunesien und Indien, von denen ein großer Teil sich freiwillig unabhängigen Kontrollen unterzieht, bei denen geprüft wird, ob sie bestimmte Standards wie Mindestlöhne und würdige Arbeitsbedingungen einhalten. 60 bis 70 Prozent der Produkte sind außerdem aus Baumwolle gefertigt, die nicht mit Pestiziden behandelt wurde und demzufolge auch nicht gesundheitsschädlich für die Arbeiter auf den Baumwollfeldern ist.

Die meisten Macher der neuen Öko-Mode wollen auf keinen Fall als Typen mit ständig erhobenem Zeigefinger wahrgenommen werden — wohl auch, weil sich das verkaufsschädigend auswirken könnte. "Wir sehen das nicht dogmatisch", sagt Dahn, "wir sagen den Kunden: Wenn es euch gefällt, dann kauft es. Und wenn sie auf dem Faltblatt in der Hosentasche noch etwas über die Hintergründe der Produktion lesen, ist das okay." Eine Jeans von Kuyichi kostet zwischen 109 und 129 Euro — das ist nicht billig, entspricht aber etwa dem Preis einer Hose von angesagten Herstellern wie Replay oder Diesel.

Das neue Bewußtsein trifft den Nerv der Zeit. Sich mit der Dritten Welt auseinanderzusetzen, blieb lange Globalisierungsgegnern vorbehalten. Seit aber Bands wie U2 und Coldplay sich für das Thema engagieren und Live-8-Konzerte Massenhysterie hervorrufen, be-chäftigt das alles auch die breite Masse. Seine Solidarität mit Afrika demonstriert man deshalb ausgerechnet mit einem modischen Accessoires: mit Plastikarmbändern, die mit Botschaften wie "Make Poverty History" bedruckt sind. Die sind zum Trend geworden, denn auch sie leben von einer Botschaft: "Es geht nicht darum, etwas Exklusives zu haben, sondern etwas Gutes zu leisten." Die Welt zu verbessern, kann ja so einfach sein.

Ein Prinzip, das auch bei der Marke Misericordia funktioniert. Dahinter verbirgt sich ein Waisenhaus mit angeschlossener Schule in einem peruanischen Dorf, wo zunächst Schuluniformen genäht wurden. Zwei Franzosen kämen auf die Idee, namhafte Designer wie Bernhard Wilhelm Kollektionen entwerfen zu lassen, die dort produziert werden. Die Verkaufserlöse fließen direkt in das Projekt zurück. Die Näher werden wie Facharbeiter bezahlt, beziehen 14 Monatsgehälter und verfügen über Krankenversicherung und Rentenanspruch, was in Peru eher selten ist. Vermutlich haben die Mitarbeiter nur eine Ahnung davon, daß sie mit ihren Produkten in Europa zum Kult geworden sind, seit sie in Trendläden verkauft werden — unter anderem bei Colette in Paris.

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